Wenn die Aktienmärkte korrigieren, schlagen die Schlagzeilen in den Medien schnell ins Negative um. Von Verlusten und Crashgefahr ist dann die Rede. Doch anstatt sich von reißerischen Berichten verunsichern zu lassen und Wertpapiere voreilig mit Verlust zu verkaufen, lohnt sich eine sachliche Auseinandersetzung mit der Natur von Marktzyklen.
An den Finanzmärkten bestimmen zwei Tiere das Vokabular der Akteure: der Bulle und der Bär. Sie stehen als Symbole für die wiederkehrenden, natürlichen Phasen an den Börsen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen, wie lange dauern Korrekturphasen historisch an und wie sollten rationale Anleger agieren?
Bulle und Bär: Die Symbole der Marktzyklen
Die beiden Begriffe beschreiben die entgegengesetzten Richtungen, in die sich die Kurse an den globalen Märkten bewegen können:
- Der Bullenmarkt (Hausse): Steht für eine anhaltende Phase steigender Kurse. Das Symbol rührt daher, dass der Bulle mit seinen Hörnern von unten nach oben stößt – ein Sinnbild für aufstrebende Märkte.
- Der Bärenmarkt (Baisse): Beschreibt eine länger anhaltende Phase fallender Kurse. Der Bär schlägt mit seiner Tatze von oben nach unten – er drückt die Kurse nach unten.
Doch ab wann genau spricht man eigentlich von einem echten Bärenmarkt? In der Finanzpraxis herrscht hierzu kein starres Gesetz. Viele Marktteilnehmer definieren einen Bärenmarkt, sobald die Kurse um mindestens 10 % unter ihr jeweiliges Allzeithoch fallen. Andere setzen diese Schwelle erst bei einem Rückgang von 15 % oder 20 % an. Unabhängig von der genauen Definition ist ein Rücksetzer von 10 % an den globalen Aktienmärkten eine statistisch normale und regelmäßig wiederkehrende Größe.
„Ein Bärenmarkt ist keine Fehlfunktion des Kapitalmarkts, sondern sein natürlicher Bestandteil. Er ist der Eintrittspreis, den langfristige Anleger für die hohen Renditen von Aktien bezahlen.“
Wie lange dauert ein Bärenmarkt im Durchschnitt?
Wenn sich Depots rot färben, sehnen sich verständlicherweise viele Anleger nach einer schnellen Erholung und kontinuierlich steigenden Kursen. Niemand sieht gerne ein Minus vor seinen Wertpapieren. Doch wie lange verweilen die Märkte historisch in solchen Korrekturphasen?
Ein Blick auf die historische Datenbasis des US-amerikanischen Leitindexes S&P 500 liefert wertvolle Erkenntnisse. Im Zeitraum zwischen 1926 und 2018 ließen sich insgesamt 16 Bärenmärkte identifizieren:
- Im Durchschnitt dauerten diese 16 Bärenmärkte 12,125 Monate an – also etwa ein Jahr.
- Klammert man die absolute Megakrise aus dem Jahr 1929 (die Große Depression nach dem Schwarzen Freitag) aus, welche die Märkte über 34 Monate nach unten zog, sinkt der historische Durchschnitt um fast 1,5 Monate auf etwa 10,6 Monate.
Abbildung 1: S&P 500 Index Gesamtrenditen von Januar 1926 bis Dezember 2021. Bilquelle: Dimensional Fund Advisors.
Diese historische Statistik ist ein wichtiger rationaler Anker. Sie zeigt, dass Korrekturen zwar ungemütlich sind, sich zeitlich jedoch meist in einem überschaubaren Rahmen bewegen, bevor der Markt zu neuen Höchstständen ansetzt. Dennoch sollte die durchschnittliche Dauer niemals als Entscheidungskriterium für kurzfristige Wetten oder spekulatives Market Timing dienen – wann eine Erholung genau einsetzt, lässt sich im Vorfeld nie exakt prognostizieren.
Die rationale Perspektive: Kurse mit Rabatt
For langfristig orientierte Anleger, die sich im Vermögensaufbau befinden, bietet ein Bärenmarkt einen oft übersehenen Vorteil: Er ist eine hervorragende Einkaufsgelegenheit. Wenn die Kurse um 10 % oder 20 % unter dem Allzeithoch liegen, bedeutet das schlichtweg, dass globale Sachwerte (Anteile an den produktivsten Unternehmen der Welt) mit einem entsprechenden Rabatt erworben werden können.
Wer in solchen Phasen stur seinen Sparplan weiterlaufen lässt oder sogar zusätzliches Kapital investiert, kauft deutlich mehr Anteile für den gleichen Euro-Betrag. Sobald sich die Märkte erholen, wirkt dieser „Einkauf mit Rabatt“ wie ein starker Hebel auf die spätere Gesamtrendite.
Fazit: Disziplin schlägt Aktionismus
Die wichtigste Erkenntnis aus Jahrzehnten der Finanzforschung lautet: Bleiben Sie ruhig und investiert. Jede historische Krise ging vorüber und machte den Weg frei für neue Allzeithochs. Wer im Bärenmarkt die Nerven verliert und verkauft, realisiert die Buchverluste dauerhaft und beraubt sich selbst der anschließenden, oft rasanten Erholung. Vertrauen Sie der Wissenschaft und der langfristigen Produktivität der Weltwirtschaft.
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